Thyra Thorn
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Erste Begegnung / First Meeting - 2008 / Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm


Octopus in Love
2008 / Öl auf Karton, 40 x 30 cm


Missmutiger Tintenfisch
2008 / Öl auf Karton, 40 x 30 cm


Tintenfisch im Spiegel - 2008 / Öl auf Karton 30 x 40 cm

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Letztes Jahr habe ich in einer Anthologie "Das Leben ist wie ein Buch, Autoren-Werkstatt 99" (Edition Fischer, ISBN 978-3-8301-1066-8) eine illustrierte Kurzgeschichte über einen zwangsneurotischen Tintenfisch veröffentlicht, dem man ein Weibchen in sein Aquarium hinzugab: "Tausend Zwänge" - Leseprobe

... blickt also in den Spiegel und zählt wieder, da hat er was davon. Erst die langen Reihen seiner Saugnäpfe, zwei Stränge an jedem Tentakel, aber - und er hält es für einen großen Fehler, eine Unbedachtsamkeit der Natur - nicht sehr gleichmäßig angeordnet. Und es sind auch nicht auf jedem seiner Tentakel gleich viele und in ihrer Größe unterscheiden sie sich auch. Zumindest hat er sie eingeteilt in verschiedene Kategorien, das macht es leichter - die großen Gutentwickelten, die sofort und immer funktionieren, die ihn nie im Stich lassen, an allem Glatten kleben, ihm Halt geben und Struktur. Weil Rückgrat hat er ja keines.

Und die kleinen, die ertasten, vorsichtig sich öffnen, mit einer sensiblen Oberfläche- und mit deren Hilfe er sich erst endgültig entscheidet, ob er sich auf unbekanntem, neuem Boden niederlässt oder sich plötzlich abstößt und mit jähem Rückstoß ins freie Wasser rettet. Größtenteils sitzen sie schon in Paaren auf der glatten Oberfläche seiner Tentakel, aber es gibt immer wieder welche, die ein wenig aus der Reihe tanzen -und es ist kein Sinn darin erkennbar. Eine gerade Reihe, das wäre sinnvoll, alle funktionieren gleichmäßig, und es gäbe keine Üerraschungen. aber - und das Spiegelbild zeigt es ihm deutlich, da kann er sich gar nichts vormachen - immer wieder drängt ein Saugnapf aus der Reihe. Manchmal zupft er an den Ungehorsamen, aber er kann sie nicht verschieben, natürlich nicht. Verdrossen kauert er auf einem Stein und rollt seine Tentakel wieder auf.

Gleichmäßig vergehen die Tage und er ist nicht richtig glücklich und auch nicht richtig unglücklich, ein Gefühl von gar Nichts - ein dazwischen Sein zwischen den Gefühlspolen. Aber das ist es halt, das kleine Glück der Ernsthaften. Man darf da nicht zuviel verlangen und er hat ja seine Arbeit, muss sehen, dass eine Ordnung ist und nichts fehlt und seine Saugnäpfe sauber und poliert in - fast- geraden Reihen stehen und wenn die Eintönigkeit gar zu groß wird, zieht er sich in sich zurück, bis er auf den harten Kern seines großen Tintenfischkopfes stößt, der ist verlässlich, da braucht es keine Fragen mehr.

Und dann kommt dieser eine, dieser besondere Tag! An diesem Tag verändert sich sein Spiegelbild, und verweigert ihm den getreuen Dienst. Das sind nicht seine Bewegungen, die es ihm zeigt und auch nicht die Umrisse seines Körpers, die es nachzeichnet. Es gestattet sich so mal eben einen anderen Farbton der Haut, Pünktchen, wo es zuvor nie welche gegeben hatte, ganz zu schweigen von dem grauenhaften Durcheinander der vielen Saugnäpfe an den unmöglichsten Stellen.

Er kann es nicht fassen, hüllt sich in seine schwarzen Tintenschleier, denkt nach und fürchtet sich. Sein Spiegelbild nicht - das kündigt ihm endgültig die Treue und lächelt. Es ist ein Weibchen! Deshalb! Eine Ahnung beschleicht ihn, dass er weiter von der Vollkommenheit entfernt ist als je, dass er unaufhaltsam in die andere Richtung driftet. Dass sich die Perfektion abwendet von ihm, ihm noch mal von ferne zuwinkt, und dann kleiner und kleiner wird. Und lässt ihn zurück in der ungewollten Zweisamkeit mit einem Weibchen.

Wie sie sich dreht und wendet! Er riskiert einen längeren Blick. Sie auch. Blitzschnell zieht er wieder einen Tintenschleier über, lugt aber doch darunter hervor. Wieder lächelt sie. Er hat noch nie gelächelt, kann sich gar nicht daran erinnern, jemals gelächelt zu haben - wozu?

Der Ton ihrer Haut wird wärmer, ein zartes Magentarosa. Ein kleiner verkümmerter Teil seines Hirns - wenig benützt, daher nur mit einigen wenigen kläglichen neuronalen Verbindungen ausgestattet - registriert es. Weiß natürlich nichts von Magenta, von bläulichen Schatten und weißer Gischt - und auch nichts von der Liebe, aber dennoch...


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