Thyra Thorn
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Liebespaar - 2007 / Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm


Lucy's Mann - 2007 / Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm


Mamy - 2007 / Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm

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"Der Jaguar - Variation des Prometheus-Mythos" - Leseprobe

Sie bemerken ihn nicht. Nur wenige Millimeter trennen sie von ihm, aber sie bemerken ihn nicht. Sie gehen ihren Weg weiter, wie immer. Die Augen auf den Boden gerichtet, jede Unebenheit registrierend, jedes Ästchen, jeden Dorn, der sich in unvorsichtige Füße bohren könnte. Schmerzhaft sind solche Nachlässigkeiten, das merkt man sich gut, wenn man mal einen einzigen Fehler gemacht hat und vermeidet es von da an. Deshalb sehen sie ihn nicht, aber nicht nur deshalb. Er liegt neben dem Weg, noch nicht einmal hinter den dicken Baumstämmen verborgen, aber getrennt durch eine unsichtbare, doch wirkungsvolle Grenze der Achtsamkeit. Oder der Bedeutungslosigkeit, wie man es nimmt. Für sie bedeutet er nichts, weil sie noch nicht wissen, was er ihnen würde schenken können, oder wie gefährlich er ist. Sie können ja keine Gedanken denken, die es in ihrer Welt noch nicht gibt. In ihrer alten Welt musste man ihn nicht kennen und nicht achten, und das tun sie auch jetzt nicht.

Er sieht sie schon. Das, worauf er seine Aufmerksamkeit richtet, sieht er und das, was er ansieht, beginnt zu existieren. Eine drollige Existenz - er lacht über sie. Kleine schwarz behaarte Gestalten in einem seltsamen Rhythmus des Gehens. Die überlangen Arme mit den großen Händen stützen sich auf den Fingerknöcheln und dazwischen schieben sich das Becken und die krummen Beine nach vorne. Mehr hoppelnd-unruhig, wenn sie langsam gehen, kriechen, tänzeln, mit kleinen Hüpfern, wirken sie so unentschlossen. Als wüssten sie immer noch nicht, wohin sie gehören.

Sie sind dazwischen. Schon losgelöst von ihrer Vergangenheit hoch in den Wipfeln der Bäume, eine Vergangenheit, die sie perfekt vollendet hatten, die sie beherrschten, in der sie tanzten, schwangen, klug und berechnend ihre Salti schlugen. Aber noch nicht in der erdnahen, bodenschweren Zukunft, in die sie sich noch hineintasten müssen, in die sie hinein hoppeln.

Er hingegen gleitet. Ist ja auch schon längst angekommen in seiner Zeit. Bei ihm ist alles schon vollendet, fast ein wenig erstarrt in seiner Perfektion. Da kommen sie ihm gerade recht, diese kleinen Affen. Sie wirbeln es ein bisschen durcheinander, sein Ebenmaß und seine glatte Eintönigkeit, und deshalb lacht er - er freut sich. Nicht, dass er sich nicht ab und zu einen von den Kleinen schnappt, einen, der als letzter geht, der träumt und nur auf den Weg starrt. Aber schnell und lautlos. Dieses Geschrei und Gezeter der anderen Affen geht ihm auf die Nerven. Er tötet still, sein Opfer hat in der Sekunde, in der sich sein Gebiss um den Hals schließt, keine Möglichkeit mehr zu schreien.

Ein Traum ersetzt den anderen. Das ist es auch, aber es ist viel mehr. Er beobachtet sie und weiß, dass sie die Zukunft selber sind, sieht die vielen Möglichkeiten in ihnen. Es ist nur die Frage, ob er ihnen den Schlüssel gibt zu ihrem Tor der Zukunft. Das muss er sorgsam entscheiden, und dafür lässt er sich Zeit. Die Zeit hat er. Die alte Zeit aus der Vergangenheit und die junge zukünftige. Tausende von Jahren vergehen ihm wie ein Wimpernschlag. Ihn umgibt eine andere Zeit. Eine Zeit, die über ihre Welt hinausreicht und in der auch noch die letzten Konsequenzen einer Entscheidung schweres Gewicht bekommen können. Schon lange und unbemerkt wartet er. Treibt sich herum an der Grenze zwischen den zwei Welten, ein erfahrener Grenzgänger von vielerlei Gestalt.

Wenn er in ihre Welt eintritt, wird sein Fell golden und dient ihm zur Tarnung. Sie könnten ihn sonst nicht ertragen. Für ihn selbst ist sein Äußeres unerheblich, es ist ein unwichtiges Zeichen. Eben die Gestalt eines Jaguars - nur damit sie ihn werden benennen können in ihren zukünftigen Geschichtenů. In ihren Geschichten vom Anbeginn der Zeit und wie die Welt entstand und die Kultur, und wie er das Feuer brachte.

Dabei ist er selbst das Feuer. Sein Inneres ist das Feuer, - brennende Materie, glühende Zellen, keine Adern, keine Organe, nur Feuersbrunst und wirbelnde Flammen. Wie seine Haut und sein Fell es umschließen können, ohne selbst Feuer zu fangen? Aber es scheint hindurch, das helle Gelb der Flammenspitzen, und in den Achseln das dunklere Orange und das Blau des Flammengrundes. Und ein paar Aschekringel bilden das Muster auf seinem Fell, seinem Jaguarfell.

Wieder muss er lachen, sie sind so nett. Wie zärtlich sie einander umfangen und necken, wie sie ihre Nahrung teilen und wie sie einander warnen vor den Gefahren, die sie sehen können. Sie schnattern ununterbrochen, bereden die kleinsten Kleinigkeiten, tratschen hinter dem Rücken der Freundinnen. Die Kinder fest an sich gedrückt, die Kleinen, die sie nie loslassen, weder zum Schlafen, noch zum Lieben, die immer dabei sind. Und wie die Größeren leiden, die nicht mehr an die Brust dürfen, weggestoßen in die raue Selbstständigkeit, die klagen und weinen, weil sie so unglücklich sind.

All das gefällt ihm gut, es könnte die Basis sein, für die großen Aufgaben, die auf sie zukommen werden. Denn auf große Aufgaben wären sie schon scharf, vor allem die Affenmännchen gebärden sich stark und mächtig, spielen die Helden. In Gruppen stehen sie zusammen, in Männergruppen und hecken Pläne, bilden Gemeinschaften zum Erjagen der kleinen Hundsaffen und bringen die Beute heim.

Bloß diese Beute teilen sie nicht. Er sieht genauer hin. Sie teilen ihre Jagdbeute nicht. All das andere teilen sie, die Früchte, die sie sammeln, das Zuckerrohr, die Käfer, die fetten Maden und die Termiten. Aber nicht die erlegten Hundsaffen, deren blutend rohes Fleisch wird nur von Männerkiefern zermahlen.

Die Frauen betteln und versuchen sie umzustimmen, bieten ihnen Gefälligkeiten, Sex, Früchte, streicheln sie und gurren wie kleine Täubchen. Aber die Männer bleiben hart und wichtig, schreien, werfen sich an die Brust und trommeln auf ihren Bäuchen, zeigen ihre muskulösen Oberarme und vor allem ihr Raubtiergebiss.

Wieder dieses laute Gezeter! Ihr Jagen, das Töten selbst der mickrigsten Hundsaffen ist noch lange danach begleitet von ihrem Gekreisch, ihrem triumphalen Geheule. Seht her, wie wichtig wir sind, wie stark und machtvoll, wir, die Beherrscher. Beherrscher von was? Von allem, der Welt, dem Himmel, dem Dschungel, den Hundsaffen und den Weibchen.

Weder hüben, noch drüben hört er mehr das leise Flüstern der Dinge, weder in ihrer Welt, noch in seiner, immer ist da dieses Gezeter! Seine Ohren zucken. (Dabei hätten sie soviel zu erzählen, die kleinen Dinge, von der Veränderungen der Welt, vom Verfall, von den Genen, die sie den Kindern und deren Kindern mitgeben, die sich ihren Weg bahnen, die Gestalt und die Zukunft verändern. Vom Leben-Nehmen und Zurückgeben und überhaupt. Interessiert sie nicht!)

Trotzdem versucht er es, gibt ihnen eine Möglichkeit, wieder eine. Probehalber. - Denen, die man liebt, gibt man tausend Chancen! Er schickt ein Unwetter, die Regenwand wird erhellt durch Blitze. Der Donner mischt sich mit ihrem von Angst erfüllten Gejaule. Wieder zucken seine Ohren, aber er versucht es und lässt einen Baum in Flammen aufgehen. Sie starren die Feuersäule an und rühren sich nicht - ein Moment der Stille. Andächtig fast, als ob sie etwas ahnten.

All diese kleinen braunen Gesichter dem Baum zugewandt, die Stirnen erhellt vom fast weißen Gelb der Flammen, die Falten tiefschwarz, den Gesichtern ein Gittermuster aufmalend. Und dann steht eine auf, eine mutige junge Äffin, nähert sich dem Feuer, ihr nasses Fell trotzt dem Funkenregen. Die blauen Flammengründe spiegeln sich in ihren Augen, so nah ist sie schon. Und sie nimmt einen nassen Ast vom Boden und berührt damit das Feuer, ob es sich von ihr reizen lässt, ob es sie vielleicht anfällt?

Er zügelt die Glut, die in der Feuersbrunst wohnt - er will die Äffin nicht verschrecken. Nur gestattet er dem Feuer, die Spitze jenes zögernden Stöckchen zu entflammen, so dass sie ein Flämmchen davontragen kann. Die junge Äffin ist klug und bedächtig, vorsichtig trägt sie das Flämmchen davon, gefolgt von den anderen. Es könnte gelingen. Doch nein, - ein Aufschrei, ein wütendes Geschnatter, einer der alten Wichtigtuer kann die Spannung nicht mehr ertragen, und wo käme man denn da hin, wenn einer solchen jungen Göre soviel Aufmerksamkeit zuteil würde! Er stürzt sich auf die junge Äffin, entreißt ihr das Stöckchen und fuchtelt siegesgewiss damit herum, verbrennt einem kleinen Äffchen ein bisschen Fell, ein Stückchen Glut bricht ab und landet unglücklich im Auge der Mutter. Es zischt, als das heiße Holz auf die feuchte Hornhaut trifft, die sich im Bruchteil einer Sekunde aufwölbt und reißt, den Glaskörper entleerend. Die Affenmutter schreit auf und löst ein wahres Inferno schreienden Widerhalls in der Gruppe aus. Angst mischt sich mit Empörung, mit wilder Aggression und überstürzter Flucht, alles auf einmal. Der Versuch ist fehlgeschlagen, das Feuer gibt er ihnen nicht. Und wendet sich ab.

Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende lässt er verstreichen, gleitet in seine Welt, lässt die ihre hinter sich und wartet. Lebt viele Jaguarleben, jagt, tötet, findet Weibchen, vermehrt sich, jagt und tötet wieder -selbstverständlich. Ist geschmeidig, still, hört wieder das Plätschern der Bäche und denkt mit den Farben die Töne und mit den Melodien die Düfte und lässt sich davontragen von dem Wechsel und zurückbringen zu dem immer Gleichen. Die Schönheit und das Leben ist, was es ist, ohne Abwägen, ohne Kategorien, ehern und erhaben über den Zweifel. Die kleinen Dinge kommen wieder zu ihrem Recht, flüstern von Genmutationen und Evolution und aus den Affen werden Menschenaffen und aus den Menschenaffen Affenmenschen.

Er kann sie nicht vergessen. Sie tanzen schon lange nicht mehr in den Wipfeln der Bäume, sind aber immer noch kleine drollige Kerlchen, mit unbeholfenen Bewegungen. Nirgendwo hat er ihresgleichen wieder gesehen. Sie haben einen Widerhall in seiner Seele erzeugt, einen Schein, der immer glimmt und den Hintergrund bildet, eine Tapete über seiner Netzhaut, durch die hindurch er nach draußen sieht. Sie sind immer da, auch wenn sie sich noch nicht einmal zu einem Gedanken geformt haben. Sie haben ihn zu einem Liebenden gemacht und er kehrt zu ihnen zurück.

Lieben, das ist es, was sie können. Einander lieben, streiten und verzeihen. Sich aneinander reiben, sich abstoßen, verraten, und dann doch wieder vergeben. Immer und immer wieder. Die ungeheuerlichsten Eifersüchte und Hassgefühle in sich brodeln lassen und doch wieder in Momenten stillen Friedens einander kraulend. Zwei Weibchen sind es, denen er besonders gern zusieht - ein junges und ein altes.

Die Alte, die Patriarchin der Gruppe, hat ein feines Netz von Freund- und Liebschaften um sich gesponnen und begegnet den Ihren mit Achtung und Zärtlichkeit. Das Gesicht verwittert und alt und in den Augen eine Mischung aus Klugheit und Lust. Und damit kriegt sie sie, die dummen Kerle, dass sie stolpern und vor lauter Sehnsucht und Gier nach Sex die dummen Streitereien vergessen. Das junge Weibchen ist noch prall, die Arme stark und kräftig, keine Furche teilt die Oberarme, eine nette kleine Speckschicht umhüllt ihre Gestalt und macht ihre Haut glatt und sogar ein bisschen rosig. Ein Blondchen , ein Blondchenweibchen mit weißen großen Zähnen und dauernd kichernd, giggelnd und gackernd. Die beiden Damen haben wirklich wilden Sex miteinander, sie reiben ihre Mösen aneinander, erst sanft, dann in wildem Rhythmus aufeinander abgestimmt bis hin zum orgiastischen Höhepunkt. Ihr Lustgeschrei macht seine Ohren zucken - aber ein entzücktes Zucken - natürlich hört er es gern. Und kaum, dass sich die Körper wieder entspannt haben, die Muskeln losgelassen und die verschlungenen Beine sich entzweit, gleitet schon wieder die Hand der Patriarchin zwischen die Schenkel ihrer Gespielin.

Unerschöpflich, wild, rosig, atemlos und - freigiebig sind sie mit ihrer Lust. Geben sie sich auch den anderen immer und immer wieder hin. Versöhnen mit Sex die Wütenden, kraulen die Ängstlichen und verführen sie zu neuer Körperlichkeit. Mit ein paar hingeworfenen Scherzworten lassen sie die Verklemmten erröten und mit gekonnten Handgriffen holen sie auch den Hochnäsigsten von seinem einsamen hohen Ross. Und wer sich Lust bereitet, der kann danach auch gut teilen, Früchte, Zuckerrohr, Käfer, fette Maden und Termiten - auch Hundsaffen?

Nein, die nicht. Die Männchen teilen ihre Hundsaffen nicht. Sie tun es einfach nicht. Neigen auch sonst zu mancher heimlichen Merkwürdigkeit. War ihm zunächst nicht aufgefallen (zugegebenermaßen hatte er mehr auf die beiden Weibchen geachtet), aber dann bemerkt er es doch. Manchmal in der Nacht schleichen sich zwei oder drei von ihnen weg und kommen erst mit dem Morgengrauen müde und niedergeschlagen ins Lager zurück, ihre Augen weichen den anderen aus, blicken schamvoll zu Boden. Warum Scham? Welchen Sinn hätte diese Kategorie der Scham? Wenn alles ist, wie es ist, warum sich schämen? Was wollen sie sein und sind es nicht, dass sie sich dafür schämen? Und sie schämen sich fürchterlich, die Gesichter rot und schwitzend, die Gestalt niedergedrückt und die Bewegungen fahrig und nervös. Die anderen erlösen sie nicht von ihrer Scham, die einen belustigt, die anderen betont gleichgültig und in den Augen der Patriarchin eine Spur Trauer.

Einmal geht er ihnen nach. Drei von den größten, verwegensten (der Anführer der Männer, der Steineklopfer und ein Schmeichler) hatten sich seitlich ins Unterholz geschlagen auf einen langen beschwerlichen Marsch durch den Wald - bis an die Grenze ihres Reviers und noch ein gutes Stück darüber hinaus. Dort im nächsten Revier lebt eine andere Horde von diesen großen Affenmenschenwesen, lebt ein ähnliches Leben - genug ist für alle da an Früchten, Käfern und Termiten, oder auch an Wurzeln im Boden. Die drei Kerle legen sich auf die Lauer im dunklen Gebüsch und warten.

Nicht so ein Warten, wie er es kennt, als unverrückbarer Teil der Welt, sondern ein anderes Warten, ein ungeduldiges, das Ziel herbei zwingendes. Sie zischeln miteinander. Der Steineklopfer, der sonst im Hintergrund bleibt und berät, zu dem alle heimlich kommen und seine Zustimmung wollen, heißt sie mit einer ungeduldigen Handbewegung schweigen. Denn aus dem Lager der anderen löst sich ein kleiner schwarzer Schatten. Ein junges Männchen, das sich in die Büsche schlägt, um seine Blase zu entleeren. Die Muskeln der Kerle spannen sich an, auf ihren Rücken sträuben sich die Haare, die Oberlippen zittern vor Erregung und entblößen die scharfen Zähne. Sie jagen wie er. Schnell, überraschend, das fremde Männchen hat keine Chance, kann noch nicht einmal schreien.

Doch sie töten nicht wie er. Sie betäuben ihr Opfer nur und tragen den schlaffen Körper weg, weit weg von seinen Gefährten zurück in ihr eigenes Revier. Und dort lassen sie sich Zeit. Den Wehrlosen gefesselt, quälen sie ihn, reißen ihm Stückchen seiner Haut herunter, schlagen und treten ihn, warten, bis er wieder aus seiner gnädigen Ohnmacht erwacht, nur um ihm so viele neue Schmerzen zuzufügen, dass er in die nächste Ohnmacht eintaucht. Und jedes Mal treiben sie ihn ein kleines Stückchen - nur ein kleines, nicht zu weit - näher an den Abgrund seines Todes. Stundenlang, ihre Augen weit aufgerissen in ihrer Erregung. Eine Erregung, die er noch nie so gesehen hat, eine Erregung, die sich eisig kalt anfühlt, wie gefrorenes Metall, das Unfassbare wahr machend.

Endlich stirbt der fremde junge Affenmensch. Am nächsten Morgen - zurück im eigenen Lager - ist die Scham verschwunden!? Ihre Haut nicht gesäubert vom getrockneten Blut ihres Opfers, stinkend, mit erregierten Penissen präsentieren sie sich in ihrer Männlichkeit, hüpfen, tanzen, springen, zeigen die prächtigen Gebisse. Schlagen, treten die Weibchen, brüsten sich, - unerträglich ist ihr lächerliches Gekeife. Unerträglich ihr Geprahle, wie mutig sie wären, wie stark, wie überlegen. Die jungen Weibchen himmeln sie an, die Helden ihrer dummen Träume. Und feiern ein Fest, tagelang stampfen ihre Füße, nächtelang grölen die Männchen und gurren die Weibchen.

Was feiern sie denn, diese dreckigen kleinen Angeber? Was gibt es am Töten zu feiern? Was ist das Töten sonst noch, außer Töten? Warum dieses unerträgliche Geschrei? Der Jaguar bleibt, verdrossen bleibt er einfach liegen auf seinem Beobachtungsposten. Dann - der Steineklopfer sitzt wieder am Ufer des Baches und klopft Steine aufeinander - so wie sein Vater und dessen Vater, ohne zu wissen, warum. Er nimmt hie und dort einen Stein und schlägt ihn auf einen anderen, verwirft einen der beiden Steine, wählt einen neuen, kombiniert Steine zu gleicher Größe und Farbe, variiert auch diese Muster wieder und kommt zu keinem Ergebnis. Die Steine sind vielfältig, der Bach kommt aus den nahen Bergen und im Frühling bringt er viel Geröll mit aus den Tiefen des Gebirges. Muschelkalke, Quarze, Achatsteine liegen neben Opalen und Chalcedonen. Und auch schon eine kleine Feuersteinknolle hatte der Berg in Jahrmillionen aus letzteren gepresst - und der Bach hatte sie hier vergessen.

Die Patriarchin überschreitet die Grenze der Welten und setzt sich zum Jaguar. Zusammen beobachten sie, wie der Steineklopfer nach der Feuersteinknolle greift, die Patriarchin schüttelt kaum merklich den Kopf: "Nein!" Der Jaguar springt auf und trägt die Feuersteinknolle davon - in unerreichbare Fernen.


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